Spaziergang durch Soest

„Du, Papa, können wir uns einmal diese Kirche mit dem großen Gerüst genauer ansehen?“ Der 13-jährige Jan ist mit seiner ein Jahr jüngeren Schwester Lea sowie seinen Eltern Daniela und Michael in Soest unterwegs. Sie sind vom Loerbach, wo sie merkwürdige alte Steine, die aus dem Turm der Wiesenkirche stammen, in einer neuen Grünsandsteinmauer oberhalb des Bachs entdeckt haben, abgebogen zur Wiesenstraße und stehen nun vor dem eindrucksvollen Westwerk des eingerüsteten gotischen Bauwerks. „Die Kirche erinnert mich irgendwie an den Kölner Dom, nur viel kleiner“, meint Daniela und Michael stimmt ihr zu: „Ja, es gibt viele Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten in der Baugeschichte beider Kirchen.“

„Die Kirche heißt offiziell St. Maria in pratis“, fährt Michael fort und schaut seinen Sohn an: „Du hast doch Lateinunterricht, weißt du, was das heißt?“ Jan strahlt: „Na klar, St. Maria in der Wiese.“ „Und in Soest wird sie gewöhnlich Wiesenkirche genannt“, ergänzt der Vater. Weiter berichtet er, dass es einen kleineren Vorgängerbau gegeben habe, der wohl um 1180 entstanden war und anfangs St. Maria in palude hieß. Nun schaut ihn Jan fragend an: „Das Wort kenne ich aber nicht.“ Sein Vater lacht: „Palude heißt Sumpf, also hieß die erste Kirche hier St. Maria im Sumpf.“ „Das ist aber ein komischer Name für eine Kirche.“ „Nun, das Baugebiet war wohl früher teilweise ziemlich feucht. Deshalb wurde also der Vorgängerbau so genannt.“ „Und was ist mit dem Sumpf dann passiert?“ „Das weiß man in Soest inzwischen auch durch archäologische Untersuchungen. Der früher unbefestigte und deshalb sehr viel breitere Soestbach, der hier Loerbach genannt wird, und verschiedene Quellgebiete wurden im späteren 12. Jahrhundert allmählich eingefasst, und der Sumpf wurde trockengelegt. So entstand daraus eine Wiese. Deshalb nannten die Menschen damals den Vorgängerbau um in St. Maria in pratis. Und die nachfolgende Kirche, die wir heute hier sehen, bekam auch diesen Namen.“

Wie eine gotische Krone überragt die Wiesenkirche die nördliche Soester Altstadt, hier der Blick von der Walburger Unterführung.

Wie eine gotische Krone überragt die Wiesenkirche die nördliche Soester Altstadt, hier der Blick von der Walburger Unterführung.

„Warum ist denn dieses große Gerüst an den Türmen?“, fragt Lea ihren Vater. „Das ist eine lange Geschichte“, seufzt dieser und fügt auf die fragenden Blicke der Kinder hinzu: „Die begann vor genau 700 Jahren.“ „Wie, so lange gibt es schon das Gerüst?“ „Nein, natürlich nicht, das ist 1986 aufgebaut worden. Vor 700 Jahren wurde mit dem Bau der Wiesenkirche begonnen.“ „Und warum hat sie heute ein Gerüst?“ „Lasst uns doch erst einmal hineingehen, dann erzähle ich euch alles.“

Die Familie geht zum Südportal, dem Haupteingang der Kirche. Michael macht seine Familie auf die fünf Figuren dort aufmerksam, die zwischen 1390 und 1395 entstanden sind. „Schaut euch diese schöne Madonna an dem Mittelpfeiler des Eingangsportals an, die so genannte Westfälische Madonna. Sie gilt als die vorzüglichste ihrer Art in Westfalen. Aber was ihr da seht, ist ein Abguss, eine Kopie. Das Original steht inzwischen in der Kirche an der Südwand, um es vor Verwitterung zu schützen.“

Michael hält seiner Familie die Tür auf. Danielas Augen werden groß, als sie in den Innenraum tritt: „Wunderschön. Das habe ich nicht erwartet. Dieses milde Licht. Und der Raum ist so leicht, hell, elegant und schwerelos.“ Lea zeigt begeistert auf die hohen gotischen Fenster: „Die sehen ja toll aus.“ Und Jan ist fast sprachlos. Staunend lässt er seinen Blick durch den einmaligen hohen Raum gleiten. „Wer hat denn das gebaut?“

Heilige, Propheten und Apostel finden sich im Hauptchor in der Glasmalerei der Fenster aus dem 14. Jahrhundert und den Steinfiguren aus der gleichen Zeit, die in außerordentlicher Harmonie aufeinander abgestimmt sind.

Heilige, Propheten und Apostel finden sich im Hauptchor in der Glasmalerei der Fenster aus dem 14. Jahrhundert und den Steinfiguren aus der gleichen Zeit, die in außerordentlicher Harmonie aufeinander abgestimmt sind.

Die Familie setzt sich in die hintere Bank des Mittelschiffs und lässt erst einmal den Raumeindruck auf sich wirken. Dann beginnt Michael zu erzählen. „Wir sitzen hier in einer gotischen Hallenkirche. So nennt man diese Raumform, bei der die drei Kirchenschiffe gleich hoch sind. Die Wiesenkirche in Soest gilt allgemein als der Höhepunkt des westfälischen Hallenkirchenbaus, zu dem sehr viele Bauwerke dieses Typs gehören.“ Daniela schaut sich noch einmal um: „Ja, das glaube ich gerne. Ich habe noch nie einen solch eindrucksvollen Raum gesehen.“

„Das Besondere an diesem Raum sind seine Proportionen“, fährt Michael fort. „Die durch die drei Schiffe gebildete Grundfläche ist annähernd ein Quadrat, und der Raum entspricht ungefähr einem Würfel mit einer Kantenlänge von rund 27 Metern. Nur vier sehr schlanke Säulen tragen zusammen mit den Außenwänden das gesamte Gewölbe. Diese vier Pfeiler bilden die Eckpunkte eines weiteren, kleineren Quadrats in der Mitte der Kirche.“

Der Innenraum der gotischen Wiesenkirche gilt als Höhepunkt des westfälischen Hallenkirchenbaus und als „Meisterwerk ersten Ranges“.

Der Innenraum der gotischen Wiesenkirche gilt als Höhepunkt des westfälischen Hallenkirchenbaus und als „Meisterwerk ersten Ranges“.

Jan ist aufgestanden und schreitet die Entfernung zwischen den Pfeilern ab. „Stimmt, das sind ungefähr zehn Meter in beide Richtungen.“

Michael fährt fort: „Das Besondere an einer Hallenkirche ist, dass jeder Besucher diesen Raum sofort als eine Einheit erlebt, das heißt, man kann sich in dieser Kirche befinden, wo man will, man überblickt immer den gesamten Raum. In einer Basilika, einer anderen weit verbreiteten Grundform der Kirchenbaukunst, ist das nicht so. Dort erlebt man den Raum streng dreigeteilt, und man kann auch nicht den gesamten Kirchenraum mit einem Blick erfassen. Gute Beispiele dafür sind der Patroklidom und die Petrikirche in Soest.“ „Aha“, meint Jan etwas irritiert, stellt dann aber nach einem Rundblick fest: „Das stimmt, ich kann hier alles überblicken.“

„Das liegt auch daran“, fährt der Vater fort, „dass die Wiesenkirche kein Kreuzschiff hat wie die meisten anderen Kirchen. Die drei Chöre sind direkt vor die drei Kirchenschiffe gebaut. Somit ergibt sich im Osten ein Abschluss des Gebäudes mit einem eindrucksvollen 180-Grad-Panorama auf die Fenster der drei Chöre und die östlichen Fenster der Seitenschiffe. Dadurch wird der Eindruck einer großartigen Einheit der Kirche noch verstärkt.“



Jan hat sich weiter umgeschaut in dem Raum. „Auf der anderen Seite der Kirche kann ich aber nicht alles sehen“, blickt er seinen Vater fragend an. „Das stimmt, ist aber auch bewusst so gestaltet worden. Zum einen sind die beiden Pfeiler in der Mitte sehr viel kräftiger als die vier Säulen des Langhauses, schließlich müssen sie einen Teil des Gewichts der beiden Türme tragen. Und links und rechts neben dem Westportal befinden sich zwei Kapellen, die für kleinere, intimere Feiern, etwa im Familienkreis, gedacht sind. Im Süden ist es die Taufkapelle und im Norden die Gedächtniskapelle für das Andenken an die Toten.“

„Aber nun sag doch endlich, wer das alles gebaut hat.“ „Das waren natürlich sehr viele Menschen über einen langen Zeitraum. Aber ganz am Anfang steht der Baumeister Johannes Schendeler, der diese Kirche entworfen und 1313 mit dem Bau begonnen hat.“ „Woher weiß man das denn so genau?“, fragt Lea neugierig. „Das steht auf dem Grundstein der Kirche, den ich euch gleich zeigen werde.“ „Und wer ist dieser Johannes Schendeler?“ „Nun, wir wissen so gut wie nichts über ihn. Vielleicht ist er aus Köln nach Soest gekommen. Sicher wissen wir nur, dass einige Steinmetzen am Kölner Dom und an der Wiesenkirche gebaut haben. Ihre Zeichen finden sich in beiden Kirchen. Von Johannes Schendeler können wir das nicht so genau sagen. Aber wenn wir uns diesen Kirchenbau anschauen, dann wird uns sofort klar, dass er ein genialer Baumeister gewesen sein muss. Denn er hat sich ja dieses Bauwerk bis ins Kleinste ganz genau vorgestellt und geplant. Dabei hat er das, was vor 700 Jahren technisch machbar gewesen ist, bis an die Grenzen ausgereizt.“ „Also das verstehe ich nicht“, meint Lea, und auch Jan sieht seinen Vater fragend an.

Die Steinmetzen der Dombauhütte bauen im Mai 2010 einen schweren alten und verwitterten Grünsandstein aus dem Dachgiebel zwischen den beiden Türmen aus.

Die Steinmetzen der Dombauhütte bauen im Mai 2010 einen schweren alten und verwitterten Grünsandstein aus dem Dachgiebel zwischen den beiden Türmen aus.

Vater Michael lächelt. „Na klar, ihr seid mit Computern, Fernsehen, Handy, Autos und jeder Menge Maschinen und Technik aufgewachsen. So etwas gab es vor 700 Jahren nicht. Johannes Schendeler hatte damals zum Konstruieren der Kirche nur ganz einfache Hilfsmittel wie das Lineal, den Zirkel und ein Winkeldreieck. Selbst das Papier war Anfang des 14. Jahrhunderts in Westfalen sehr selten. Beim Bau halfen den Menschen keine Motoren. Die Steine mussten mit der Muskelkraft von Mensch und Tier bewegt oder bearbeitet werden. Dafür hatten die Handwerker verschiedene Hämmer, Knüpfel, Keile und Meißel. Es gab für den Transport der Steine aus dem Steinbruch nur Karren aus Holz, die von Pferden, Eseln oder Kühen gezogen wurden. Zum Heben hatte man Balken und Hebel, Seile und einfache Kräne, die oft durch Laufräder bewegt wurden oder von Tieren, die große Winden für die Seile drehten. Und Baugerüste aus Stahl oder Aluminium für die hohen Bauwerke gab es auch noch nicht. Dafür nahm man Baumstämme, Balken und Bretter.“

Jan sieht seinen Vater staunend an: „Wie viel wiegt denn ein Stein in dieser Kirche?“ „Nun, das ist natürlich ganz unterschiedlich, große haben aber durchaus das Gewicht einer Tonne. Das entspricht dem Gewicht eines kleineren Autos.“ „Und das haben die Menschen damals alles ohne einen Motor nach oben geschafft?“ „Ja klar. Das war eine sehr harte Arbeit im Mittelalter.“

So sieht der Maßwerkhelm des Südturms im Inneren aus, wenn man senkrecht nach oben schaut.

So sieht der Maßwerkhelm des Südturms im Inneren aus, wenn man senkrecht nach oben schaut.

Die Familie ist inzwischen nach vorne gegangen bis zu den ersten Bänken. Von dort kann man die drei Chöre sehr gut überblicken. „Einfach großartig“, sagt Daniela. „Ja, diese Konstruktion mit den riesigen Fens­tern, die fast ganz unten auf der Erde anfangen und praktisch bis zur Dachrinne hochragen, war um 1313 neu und besonders kühn. Wir können aber auch heute noch erkennen, wie die Bauleute allmählich Erfahrungen gesammelt haben und mutiger wurden. Schendeler hat mit dem Bau im Nordchor begonnen. Dort sehen wir nur zwei Fenster und in der Mitte eine stabile Wand, die wesentlich standfester ist als die sehr schmalen Pfeiler, die sich im Südchor zwischen den drei Fenstern befinden. Als man im Norden mit dem Bau begann, hat man sich noch nicht an die statisch schwierige Konstruktion mit drei Fenstern wie später im Südchor herangetraut.“

„Hast du uns nicht eben erzählt, dass hier vorher eine kleinere Kirche stand?“ „Ja, das ist richtig, sie stand etwas weiter westlich. Vermutlich blieb sie anfangs auch noch stehen, als man 1313 mit dem Bau der Chöre der viel größeren neuen Kirche begann. So wird man sie wohl noch einige Zeit weiter genutzt haben. Wann sie abgerissen wurde, wissen wir heute nicht genau, es wird wohl im Zuge des Baufortschritts gewesen sein.“ Jan möchte es genau wissen: „Und das hat alles dieser Johannes Schendeler gemacht?“ „Nein, das hat alles sehr viel länger gedauert, als ein menschliches Leben ausreicht. 80 Jahre nach dem Baubeginn hat der Baumeister Godert van Sunte Druden die beiden westlichen Pfeiler der Halle begonnen. 1421, also über 100 Jahre nach dem Baubeginn, wurde das Fundament für den Westbau gelegt, der Baumeister hieß damals Johannes Verlarch. Dieser Westbau zog sich sehr lange hin. Zuletzt leitete der Baumeister Porphyrius von Neuenkirchen, der auch das Osthofentor in Soest gebaut hat, um 1529 die Baustelle am Westbau der Wiesenkirche. Man erreichte damals die Höhe der Dachgalerie, zumindest am Nordturm. Dann wurde der Bau eingestellt. Die beiden Türme sind im Mittelalter nicht mehr errichtet worden.“

Der badende Knabe ist ein Detail der modernen Fenster in der Taufkapelle, die Hans Gottfried von Stockhausen 2002 schuf.

Der badende Knabe ist ein Detail der modernen Fenster in der Taufkapelle, die Hans Gottfried von Stockhausen 2002 schuf.

„Aber die Kirche hat doch heute zwei Türme, auch wenn die unter einem großen Gerüst versteckt sind“, wirft Lea ein. „Gut beobachtet. Diese beiden Türme wurden erst im 19. Jahrhundert im neogotischen Stil gebaut. Damals gehörte Soest zu Preußen. Im Zuge der Romantik begeisterten sich die Menschen im 19. Jahrhundert für die mittelalterliche Kunst und Architektur – und da besonders für die Gotik. So entstand die Neogotik, die auf Elementen der mittelalterlichen Gotik aufbaute und sie teilweise weiterentwickelte. 1833 besuchte der bekannte Architekt und preußische Denkmalpfleger Karl-Friedrich Schinkel Soest, um sich die unvollendete und mittlerweile baufällige Wiesenkirche anzuschauen. 1839 kam auch der preußische Kronprinz hierher, um die Wiesenkirche zu besichtigen. Er versprach, sie zu vollenden. Als er dann 1840 zum preußischen König Friedrich-Wilhelm IV. wurde, löste er sein Versprechen ein und stellte viel Geld für den Weiterbau zur Verfügung – übrigens parallel zum Kölner Dom, der damals auch mit Hilfe der Preußen vollendet wurde. 1846 wurde in Soest der Grundstein für die Vollendung des Westbaus gelegt. Der Südturm wurde 1874 fertig, der Nordturm ein Jahr später. Vorbild für die durchbrochenen Turmhelme ist das Freiburger Münster gewesen, das den einzigen echten gotischen Maßwerkturmhelm in Deutschland besitzt.“



Jan hat aufmerksam zugehört und beginnt zu rechnen: „Dann sind die beiden Türme ja noch keine 140 Jahre alt, wenn die Kirche jetzt ihren 700. Geburtstag feiert, also viel jünger. Und trotzdem sind sie eingerüstet. Warum denn?“

Michael schmunzelt: „Ihr müsst euch noch etwas gedulden. Das erzähle ich euch, wenn wir rausgehen. Wir wollen uns erst noch einmal in der Kirche ein wenig umschauen.“ „Ja, genau“, lacht seine Frau. „Ich möchte doch endlich auch etwas über die Fenster und die anderen Kunstwerke erfahren.“

Michael fährt also fort: „Die Fenster in den drei Chören sind im 14. und 15. Jahrhundert entstanden. Man vermutet heute, dass dafür eine Glasmalerwerkstatt eingerichtet wurde, in der parallel zum Baufortschritt an den Chören die Fenster entstanden. Zusammen mit den Steinfiguren, die ebenfalls aus diesem Jahrhundert stammen, bilden sie einen Allerheiligenzyklus. Wir sehen unten in den Fenstern des Hauptchores Figuren des Alten Testaments, beispielsweise Propheten, und darüber des Neuen Testaments sowie Heiligenfiguren. Das Fenster in der Mitte zeigt Jesus in verschiedenen Lebensaltern und Funktionen. In den elf Steinfiguren können wir acht Apostel, Johannes den Täufer sowie am mittleren Fenster Maria und Jesus erkennen. Im nördlichen Seitenchor sehen wir mehrere Heiligenfiguren und im südlichen Seitenchor neben weiteren Heiligen Darstellungen dreier Marienfeste.“

Der Dachstuhl ist noch weitgehend original aus gotischer Zeit erhalten. Der Blick geht zum Westgiebel, der wegen der Steinsanierung im September 2010 komplett abgebaut war.

Der Dachstuhl ist noch weitgehend original aus gotischer Zeit erhalten. Der Blick geht zum Westgiebel, der wegen der Steinsanierung im September 2010 komplett abgebaut war.

„Das klingt aber sehr kompliziert“, gibt Daniela zu bedenken. „Im Grunde genommen“, so fährt Michael fort, „geht es darum, Christus zu glorifizieren und mit ihm auch seine Mutter Maria, die ja immerhin Patronin dieser Kirche ist. Alles zusammen – die kühne und elegante Architektur, die herausragende Glasmalerei und die kunstvollen Steinskulpturen – bildet eine beeindruckende und unvergleichliche Einheit, das Herz dieser Kirche.“

Daniela nickt beeindruckt: „Ja, da hast du recht. Aber es gibt ja noch viel mehr Fenster in der Kirche, auch moderne. Wie ist denn deren Geschichte?“

„Die ist nicht minder kompliziert. Zunächst einmal sehen wir an der Nordwand zwei Fenster, die über 500 Jahre alt sind. In der Mitte erkennen wir den Stammbaum Jesu und im Osten das Marien- oder Patroklusfenster. Beide sind nur noch im Hauptmotiv erhalten, die restlichen Scheiben wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Man hatte vor den Bombenwürfen die Fenster der drei Chöre fast vollständig ausgebaut, ebenso das Fenster über dem Nordportal mit dem berühmten Westfälischen Abendmahl um 1500 und die beiden Hauptmotive der Nordfenster. Alle anderen 18 Fenster wurden durch die Bombenwürfe zerstört. Es gibt davon nur noch oben über dem Nordportal Fragmente eines Fensters, das Elisabeth Coester 1922 geschaffen hatte.“

„Ja, aber heute sind doch überall wieder bunte Fenster eingebaut“, wirft Lea fragend ein. „Und was ist denn noch kaputt gegangen im Krieg?“, möchte Jan wissen.

„Ja, das ist ein trauriges Kapitel in der Geschichte der Kirche. Eine Bombe hat den nordöstlichen Pfeiler getroffen, der zum Glück aber stehen geblieben ist. Drei Gewölbefelder sind dabei eingestürzt. Zerstört wurden neben Orgel und Barockaltar auch der neogotische Altar, die neogotische Kanzel sowie ein gotischer Tabernakel. Das alles existiert heute nicht mehr. Die Schäden am Gebäude wurden zügig repariert. So konnte die Kirche 1950 wieder eingeweiht werden. Die alten Fenster wurden wieder eingebaut. Die Details, die zerstört worden waren, hat Anfang der 1960er-Jahre der Künstler Hans Gottfried von Stockhausen neu geschaffen. Alle anderen Fenster wurden mit einfachem Glas gefüllt.“

„Und woher kommen die vielen neuen bunten Fenster?“, bleibt Lea hartnäckig. Ihr Vater lacht. „Schön, dass du so beharrlich fragst. 1999 hat ein Soester Bürger der Kirche ein neues Fenster gestiftet. Das hat ebenfalls Hans Gottfried von Stockhausen geschaffen. Und dann hat der Soes­ter weitere vier Fenster gestiftet, die an der Südwand sowie das große Westfenster. Daraufhin hat dann der Westfälische Dombauverein zwölf kleinere Fenster gestiftet, die sich alle im Westbau befinden, darunter die in der Tauf- und der Gedächtniskapelle. Und alle 17 neuen Fenster hat innerhalb von fünf Jahren dieser Hans Gottfried von Stockhausen entworfen und gemalt.“

„Unglaublich“, lächelt Daniela und wirft dann eine wichtige Frage auf: „Wer bezahlt das denn alles?“

Prof. Hans Gottfried von Stockhausen zeigt Mitgliedern des Westfälischen Dombauvereins im Juli 2003 die neuen Fenster für den Westbau der Wiesenkirche.

Prof. Hans Gottfried von Stockhausen zeigt Mitgliedern des Westfälischen Dombauvereins im Juli 2003 die neuen Fenster für den Westbau der Wiesenkirche.

„Also, die neuen Fenster sind alle gestiftet worden, die alten aber auch. Die Wiesenkirche war von ihrer Gründung an eine Bürgerkirche, für die sich die Soester stark finanziell engagiert haben. Seht ihr dort in den Chören in den alten Fenstern die Wappen? Sie gehören den inzwischen alle ausgestorbenen Stifterfamilien, die die Fenster damals bezahlt haben. Das mittlere Fenster, das Jesusfenster, hat der Rat der Stadt Soest gespendet, dort sieht man dreimal den Soester Schlüssel. Auf der Nordseite sind die Stifter als kleine Figuren in den Fenstern abgebildet. Aber auch der neue Glockenstuhl und sieben neue Glocken wurden in unserer Zeit von Soester Unternehmen und Spendern bezahlt. Es gab im Mittelalter weiterhin eine Finanzierung durch den Verkauf eines Ablassbriefes, den Papst Gregor XI. veranlasst hatte. Und heute kommt das Geld für die Sanierung der Kirche aus vielen Quellen, so vom Land Nordrhein-Westfalen, von der Bundesrepublik Deutschland, von Stiftungen, kommunalen Geldgebern, der Gemeinde, aus Lotteriegeldern, vom Westfälischen Dombauverein und natürlich von vielen, vielen Spendern.“

„Das ist ja sehr beeindruckend. Wenn ich den Innenraum dieser Kirche sehe, verstehe ich auch, warum sich so viele Menschen dafür engagieren“, meint Daniela anerkennend.

„Wir wollen uns noch ein wenig die Ausstattung anschauen, ehe wir nach draußen gehen“, schlägt Michael vor und beginnt im Nordchor gleich mit seinen Erläuterungen: „Im Nordchor stehen zwei Altäre. Der brabantische Schnitzaltar etwa aus der Zeit um 1520 stammt wahrscheinlich aus Antwerpen. Seine Flügel fehlen leider. Unten sehen wir Szenen aus der Weihnachtsgeschichte, im oberen Teil aus der Passionsgeschichte. Daneben steht der Annenaltar, dessen vermutlich flämischer Maler, der Meister von 1473, heißt nach einer Jahreszahl in diesem Altar. Hauptmotiv ist das Bild mit der Familie der Heiligen Anna, der Mutter Marias. Anna sitzt auf dem Thron, zu ihren Füßen Maria mit dem Jesuskind. Also sehen wir dort das Kind, die Mutter und die Oma. Deswegen nennt man dieses Motiv auch Anna Selbdritt. Gemeint sind damit diese drei Generationen. Auf der linken Seite erzählen sechs Motive aus dem Leben der Eltern Marias, Anna und Joachim. Rechts steht Maria im Mittelpunkt der sechs kleineren Motive.

Dieser Altar steht auf einer etwa hundert Jahre älteren, rotgrundigen Predella eines unbekannten Künstlers. Deren drei Motive sind Jesus, der Gärtner, links mit der knienden Maria Magdalena, die drei Könige sowie der ungläubige Thomas rechts, der seine Hand in Jesu Wunden legt. Über dem Altar befindet sich ein Kreuz aus der Zeit um 1265, das somit älter als diese Kirche ist.“



Die Familie wechselt zum Hauptchor. „Im Hauptchor sehen wir links in die nördliche Wand eingelassen ein Alabasterrelief mit dem Gnadenstuhl oder der Dreifaltigkeit: Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist. Vermutlich stammt es aus dem englischen Nottingham des 15. Jahrhunderts. Daneben folgen der Heilige Reinoldus etwa aus dem Jahr 1430, der auch Dortmunder Stadtpatron ist, ein Sakramentshäuschen aus der Zeit um 1400 mit einer gemalten Gottesdienstszene, und eine Madonna mit Kind, ebenfalls etwa aus dem Jahr 1400 – übrigens eine von 60 Mariendarstellungen, die es in dieser Kirche gibt.

Weiter rechts können wir dann den Grundstein erkennen. Auf braunem Grund ist in heller Schrift auf Latein dort geschrieben, dass Johannes Schendeler 1313 den Grundstein für diese Kirche gelegt hat.

In der Mitte steht der Jakobusaltar von 1420 aus der Schule des Conrad von Soest mit der Kreuzigungsszene als Hauptmotiv. Links auf dem Flügel sehen wir die drei Könige, rechts Maria auf dem Totenbett, ein seltenes Bildmotiv.“

Wieder zieht die Familie eine Station weiter. „Im Südchor steht ein künstlerisch besonders hochrangiger Altar, dessen Ölbilder Heinrich Aldegrever um 1525 geschaffen hat. Er wird auch Marienaltar genannt oder Weihnachtsaltar, weil wir nur Weihnachtsmotive sehen, rechts die drei Könige oder Weisen im Stall zu Bethlehem, links die Geburt Jesu mit den Hirten und in der Predella Mariä Verkündigung, die Geburt im Stall zu Bethlehem und die drei Könige. Die drei Schnitzfiguren von einem unbekannten Künstler zeigen Antonius den Einsiedler, Maria die Königin sowie die Heilige Agathe.“

Die lateinische Inschrift des Grundsteins in der Nordostwand des Hauptchores gibt Auskunft darüber, dass Johannes Schendeler im Jahr 1313 mit dem Bau der Kirche begonnen hat.

Die lateinische Inschrift des Grundsteins in der Nordostwand des Hauptchores gibt Auskunft darüber, dass Johannes Schendeler im Jahr 1313 mit dem Bau der Kirche begonnen hat.

„Also, ich muss hier mal einhaken“, meint Daniela. „Du hast eben gesagt, dass es in dieser Kirche 60 Mariendarstellungen und jede Menge Heiligendarstellungen gibt. Ist das nicht sehr ungewöhnlich für eine evangelische Kirche?“ „Ja, das stimmt schon. Es gibt viele evangelische Kirchen ohne eine Maria. Die Wiesenkirche hingegen hat besonders viele. Das hat mehrere Gründe. Da Maria die Patronin dieser Kirche ist, versteht es sich von selber, dass diese auch im Mittelalter in zahlreichen Abbildungen in der Kirche zu sehen war, die ja ursprünglich katholisch war. Die Reformation zog 1531 in Soest ein. 1555 war der Reformationsprozess in dieser Stadt abgeschlossen, getragen durch den Stadtrat. Der aus Paderborn stammende Heinrich Aldegrever, letzter Soester Stadtkünstler, dessen Altar wir hier sehen, war übrigens einer der Wegbereiter der Reformation in der Stadt. Das Besondere an der Reformation in Soest war, dass sie ohne große Gewaltausbrüche vollzogen wurde und es keinen Bildersturm gab. So nennt man eine Begleiterscheinung der Reformation, bei der im 16. Jahrhundert viele aus katholischer Zeit stammende Kunstwerke, etwa Abbildungen der Heiligen, aus theologischen Gründen aus den dann evangelisch gewordenen Kirchen entfernt und teilweise zerstört wurden. In Soest blieben zum Glück viele dieser Kunstwerke bis heute in den evangelischen Kirchen stehen – hier in der Wiesenkirche unter anderem die vielen Marienabbildungen der Altäre, in den Fenstern und als Figuren. In unserer Zeit sind sogar noch einige Marienabbildungen dazugekommen.“

Nachdem sich die Familie intensiv den Aldegrever-Altar angeschaut hat, führt Michael sie zum Nordportal. Er deckt eine Vitrine auf, in der eine wertvolle gestickte Lesepultdecke liegt, die fast so alt wie die Kirche ist. Sie ist aufgrund ihres Alters sehr empfindlich gegen Licht und darf immer nur für kurze Zeit aufgedeckt werden. Zisterziensernonnen des Ägidiusklosters in Münster haben sie aus Leinengarn in monatelanger Arbeit gestickt. Die wichtigsten Motive sind Mariä Verkündigung, der Himmelsthron sowie Jesus der Gärtner.

„Und dort über dem Nordportal seht ihr das berühmteste Soester Kunstwerk, das um 1500 entstandene Westfälische Abendmahl.“ Michael verweist seine Familie auf das Glasfenster über dem Nordeingang und fragt seine Angehörigen, warum denn wohl diese Abendmahlsdarstellung westfälisch genannt wird. „Ich sehe einen Schinken auf dem rechten Teller“, verkündet Lea. Und Jan hat auf dem linken einen Schweinekopf erkannt. Daniela vermutet, dass in dem Korb unter dem Tisch Schwarzbrot oder Pumpernickel neben einer Kornflasche liegt. Michael verweist auf weitere typische Details. „Wir sehen mehrere irdene Krüge. Das sind die in Soest früher üblichen und Bullenköppe genannten Bierkrüge, hier in mittlerer Größe von etwa zweieinhalb bis drei Liter Fassungsvermögen. Rechts vor dem Schinkenteller kann man außerdem zwei kleine Gläschen ausmachen, aus denen man Schnaps getrunken hat, die Steinhäger. Solche Schnapsgläser gibt es auch heute noch in den Soester Gaststätten. Das ganze Fenster wirkt sehr volkstümlich und könnte fast eine Szene aus Soest sein. Es ist in früheren Jahrhunderten ein Zunftzeichen gewesen. Gesellen, die auf Wanderschaft, auf der Walz, gewesen sind, mussten in ihrer Heimat nach ihrer Rückkehr dieses Fenster beschreiben können, wenn sie erzählt hatten, in Soest gewesen zu sein. Das Fenster war weithin bekannt und galt sozusagen als Beweismittel, um überprüfen zu können, dass die Gesellen die Wahrheit gesagt hatten. Zunftzeichen gab es in größeren Städten.“

Das berühmteste Soester Kunstwerk, das Westfälische Abendmahl mit Pumpernickel, Schinken, Bier und Korn aus der Zeit um 1500, zieht über dem Nordportal der gotischen Halle die Blicke der Menschen auf sich.

Das berühmteste Soester Kunstwerk, das Westfälische Abendmahl mit Pumpernickel, Schinken, Bier und Korn aus der Zeit um 1500, zieht über dem Nordportal der gotischen Halle die Blicke der Menschen auf sich.

Michael sieht seine Familie an: „Wir gehen jetzt nach draußen. Schließlich wollt ihr ja noch wissen, warum es das Gerüst an den Türmen gibt.“ Jan lacht: „Ich dachte schon, du hättest das vergessen.“

Die Familie verlässt am Südportal die Kirche und geht dann nach rechts auf die Westseite des Gebäudes. Dort zeigt Michael auf die grünen Steine. „Wenn ihr genau hinschaut, könnt ihr dort so einiges entdecken.“ „Ich sehe merkwürdige helle Formen“, bemerkt Daniela nach wenigen Sekunden. „Hier ist eine Muschel zu sehen“, ruft Lea. „Ich habe auch eine Muschel und viele andere komische Formen entdeckt“, fügt Jan an. „Und ich sehe überall grün, grasgrün und blaugrün – so wie viele verwitterte Steine“, merkt Daniela noch stirnrunzelnd an.

„Ja, das ist alles richtig, ihr habt gut beobachtet“, freut sich Michael. „Also, es geht um diesen besonderen grünen Stein, den es in Soest und drum herum gibt. Er ist außergewöhnlich und leider auch problematisch. Aber fangen wir mal ganz vorne an, nämlich vor 90 Millionen Jahren, als der Stein entstand. Das ist schon sehr lange her, da lebten noch die Dinosaurier. Die westfälische Bucht war ein flaches Meer, und hier befand sich für eine längere Zeit die Brandungszone. Dann stieg der Meeresspiegel an, und noch etwa 25 Millionen Jahre lang war hier alles überflutet, bis sich schließlich das Wasser zurückzog. Der grüne Stein ist der Meeresboden, der vor 90 Millionen Jahre entstanden ist. Diese merkwürdigen hellen Formen, die ihr entdeckt habt, sind Versteinerungen von Lebewesen aus dem damaligen Meer: Muscheln, Aufliegergehäuse, Korallen, Schwämme, Hohltiere, Haifischzähne, Fische – und sogar Saurierzähne und -knochen hat man schon gefunden.



Heute liegt dieser grüne Stein etwa zehn bis zwanzig Meter tief im Boden. Darüber befinden sich die jüngeren Ablagerungen des Urmeeres. Man hat schon vor über tausend Jahren diesen grünen Sein abgebaut. Um Soest herum gibt es keine Steinbrüche mehr. Sie sind ausgebeutet, oder der Abbau lohnt sich nicht mehr. Die alten Kirchen, viele Häuser und Scheunen, jede Menge Mauern und die Soester Stadtmauer wurden allesamt aus diesem Material errichtet. In Anröchte, 15 Kilometer südöstlich von hier, wird er aber heute noch in acht großen Steinbrüchen abgebaut und weltweit wegen der schönen grünen Farbe und der vielen Versteinerungen vermarktet. Er liegt in den beiden Farbschichten grün und blau, die zusammen rund zwei Meter dick sind, tief im Boden.“

Der Helm des Südturms ist aus Obernkirchener Sandstein gebaut, der bislang kaum verwittert ist und deswegen im Laufe der Jahrzehnte eine dunkle Patina angesetzt hat.

Der Helm des Südturms ist aus Obernkirchener Sandstein gebaut, der bislang kaum verwittert ist und deswegen im Laufe der Jahrzehnte eine dunkle Patina angesetzt hat.

„Aha, das habe ich verstanden“, wirft Jan ein. „Aber warum ist er denn so grün und blau?“ „Das ist etwas komplizierter. Es gibt hier im Boden einen Stoff, der Glaukonit heißt. Der Name kommt aus dem Griechischen und bedeutet blaugrün. Dieses Glaukonit entsteht in der Brandungszone von Meeren. In dem grasgrünen Stein ist es zu 18 Prozent enthalten, in dem blaugrünen zu etwa 13 Prozent. Dazu kommt noch ein kleiner Anteil Sand mit etwa 17 Prozent und weit über die Hälfte Kalk. Und damit beginnt das Problem. Der Stein verträgt wegen des hohen Kalkgehalts keinen sauren Regen, den es seit Mitte des 19. Jahrhunderts gibt. Er entsteht durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe wie Kohle und Erdöl, in denen Schwefel enthalten ist. Mit dem Regen kommt der Schwefel auf den Stein und reagiert mit dem darin enthaltenen Kalk. Es entsteht Gips. Dieser Gips macht die Oberfläche des Steins mürbe, er verwittert, indem die äußeren Schichten sich lösen und teils abplatzen. Hier kann man das sehr deutlich sehen.“ Michael zeigt auf die unteren Steine im Westbau der Kirche, deren Oberfläche deutlich bröckelig und verwittert ist.

„Beim Bau der Türme im 19. Jahrhundert sah man schon das Problem der Verwitterung und wählte deshalb für die durchbrochenen Helme einen anderen Stein, den Obernkirchener Quarzsandstein aus Stadthagen im Weserbergland. Der besteht zum allergrößten Teil aus Quarz und ist damit viel stabiler und verwitterungsfester. Die Helme sind schließlich Wind und Regen besonders stark ausgesetzt. Es hat sich heute gezeigt, dass diese Entscheidung richtig gewesen ist. Denn die Steine der Helme sind bisher kaum angegriffen vom sauren Regen.

Der untere Teil der Türme ist aber aus dem Grünsandstein gebaut worden. Der hat tatsächlich nur etwa 50 Jahre gehalten. Dann waren um 1930 die feinen neogotischen Verzierungen so mürbe, dass sie bei Wind teilweise herabfielen. Man rüstete die Türme ein und entfernte alle morschen Bauteile und damit alle Verzierungen. Außerdem bearbeitete man die gesamte Steinoberfläche so lange, bis alle morschen Schichten entfernt waren und wieder fester, unverwitterter Stein zu sehen war. Damit hatte man ein bis zwei Zentimeter von der Dicke des Steins abgetragen – und hoffte, den Steinfraß somit erst einmal gestoppt zu haben.

Aber auch das hat nur 50 Jahre vorgehalten. Um 1980 waren die Beschädigungen so stark geworden, dass sogar die an die 20 Meter hohen Riesenfialen, das sind die Ecktürme der beiden Türme, einsturzgefährdet waren. 1985 beschloss man, die Türme zu sanieren. Die Dombauhütte der Wiesenkirche wurde wieder eröffnet. 1986 wurde das Gerüst gebaut. 1987 begann man damit, am Südturm die verwitterten Steine der Außenschale herauszunehmen und durch neue, wieder original verzierte Steine aus Obernkirchener Stein zu ersetzen. Der erste Dombaumeister war Prof. Wolfgang Deurer. Seit dem Jahr 2000 leitet Jürgen Prigl die Turmbaustelle. 2007 wurde er zum Dombaumeister ernannt.

Dombaumeister Jürgen Prigl versetzt einen neuen Obernkirchener Sandstein im Maßwerkbereich eines Fensters am Südturm.

Dombaumeister Jürgen Prigl versetzt einen neuen Obernkirchener Sandstein im Maßwerkbereich eines Fensters am Südturm.

Das Austauschen der Steine ist aber leichter gesagt als getan. Man kann immer nur wenige Steine ausbauen und muss aus statischen Gründen die Lücken gleich wieder füllen. Sonst würden ja irgendwann die Steine darüber herabstürzen, wenn sie keinen Halt mehr haben. So hat man sich im Laufe von 25 Jahren allmählich Stein für Stein nach oben gearbeitet und den Südturm von außen komplett neu gebaut. Im Juni 2012 wurde der letzte morsche Grünsandstein ausgebaut und dann etwas später durch einen neuen Obernkirchener Stein ersetzt. Der Nordturm, der erst zur Hälfte erneuert ist, soll, wenn alles planmäßig verläuft, im Jahr 2023 fertig werden. Das hängt aber davon ab, ob die Finanzierung der Turmbaustelle über die Jahre stabil bleibt.“

„Wird denn auch im Winter dort oben gebaut?“, fragt Lea. „Dann ist es doch sicher sehr kalt und rutschig auf dem Gerüst.“ „Da hast du recht, im Winter ruhen die Arbeiten am Turm“, lächelt ihr Vater. „Dann arbeiten die Steinmetzen in der Dombauhütte. Und die zeige ich euch gleich.“

Die Familie geht die Wiesenstraße etwa 100 Meter aufwärts in nördliche Richtung und kommt zu einem Fachwerkhaus, das sich Soester Grünsandsteinmuseum nennt. Durch das Tor erreicht sie einen Innenhof. Beiderseits stehen alte Steine, rechts ein Dinosauriermodell, und an der Hauswand direkt gegenüber hängt eine große Steinplatte mit uralten Dinosaurierspuren.

„Wir stehen jetzt vor der Dombauhütte“, zeigt Michael auf die Gebäude gegenüber. „Im Winter werden dort von den Steinmetzen die Steine mit den vielen neogotischen Verzierungen geschlagen, die dann im darauf folgenden Sommer am Turm eingebaut werden. Man arbeitet also immer eine Saison im Voraus. Jetzt wollen wir aber ins Steinmuseum gehen, denn da gibt es interessante Dinge zu sehen.“

Im Erdgeschoss erfährt die Familie etwas von der Entstehung des grünen Steins und seiner chemischen Zusammensetzung. Auf einer Landkarte sehen die vier, dass der Grünsandstein in einem nur einige Kilometer schmalen Streifen südlich der Bundesstraße 1 am Haarstrang vorkommt. Dieser Streifen ist ungefähr 40 Kilometer lang und erstreckt sich zwischen Werl und Erwitte. Im ersten Stock des urigen Fachwerkhauses schauen sich die Kinder erst einmal einen Film über den grünen Stein an, während die Eltern sich über markante Bauwerke in Soest und Umgebung informieren, die natürlich alle aus diesem Material im Mittelalter gebaut wurden.

Aber so richtig spannend wird es für die Kinder im Dachgeschoss. Jan hat zuerst ein großes Zugrad entdeckt für einen Lastenaufzug, mit dessen Hilfe in früheren Jahrhunderten Säcke auf den Boden der ehemaligen Scheune gehievt wurden. Dahinter zieht eine riesige Fotocollage besonders Danielas Blicke auf sich. Zu sehen sind grüne Kirchen aus dem Kreis Soest, malerisch angeordnet, und sie reizen natürlich den Betrachter herauszufinden, um welche Kirchen es sich handelt.

Ein knorriger Handaufzug mit einem Zugrad aus Eiche sowie eine Collage grüner Kirchtürme aus der Börde ziehen im Dachgeschoss des Grünsandsteinmuseums die Blicke auf sich.

Ein knorriger Handaufzug mit einem Zugrad aus Eiche sowie eine Collage grüner Kirchtürme aus der Börde ziehen im Dachgeschoss des Grünsandsteinmuseums die Blicke auf sich.

Lea aber drückt derweilen ihre Nase an der Glaswand vor einem eindrucksvollen Modell platt. Es zeigt die Baustelle der Wiesenkirche vor vielleicht rund 600 Jahren. Die drei Chöre stehen schon, an den Pfeilern und dem Westbauwerk wird kräftig gearbeitet. „Ich glaube, ich würde heute auf ein solch wackeliges Holzgerüst nicht steigen“, wiegt Daniela nachdenklich ihren Kopf. „Das sieht nicht sehr sicher aus.“ „Na ja, damals hatten die Bauleute nur Stämme, Balken und Bretter und mussten somit zusehen, wie sie damit klarkamen. Aber wie man an der Kirche sieht, haben sie es trotzdem geschafft.“ Jan hat einen Kran mit einem Laufrad entdeckt, in dem ein Mensch rennt und damit einen tonnenschweren Steinquader langsam nach oben zieht – ganz ohne Motor. „Ah, jetzt verstehe ich, wie das funktioniert hat“, meint er zufrieden. Die Kinder entdecken noch so manches Detail an diesem Modell und können sich immer besser vorstellen, wie eine Kirchenbaustelle im Mittelalter ausgesehen hat und wie mühevoll und gefährlich es gewesen ist, ein solch prächtiges und eindrucksvolles Gotteshaus zu errichten. Und auch Daniela schaut ihren Mann dankbar an: „Das war ein interessanter, lehrreicher und schöner Besuch.“



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